Gefördert durch das Programm Neustart Amateurmusik

Proben sind ausgefallen, Auftritte wurden abgesagt, Online-Proben ausgetestet und Konzerte im Stream gegeben. Corona, die Pandemie, und die damit verbundenen Maßnahmen haben die Amateurmusik in den vergangenen 20 Monaten verändert.

Amateurmusik lebt vom gemeinsamen Musizieren, von der Präsenz und dem musikalischen Ehrenamt. Damit das wieder entstehen kann, Musikerinnen und Musiker wieder spielen können, eine breite öffentliche Wahrnehmung der Amateurmusik wieder möglich ist, gibt es das Förderprogramm „Neustart Amateurmusik“. Gemeinsam mit dem Blasorchester „Haste Töne Berlin e.V.“ haben wir uns um die Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien beworben. Unser gemeinsames Konzept „Blasorchester trifft Alphorn“ hat die entscheidenden Gremien im Bundesverband Chor und Orchester überzeugt. So konnten wir jetzt zu unserem ersten gemeinsamen Proben-Wochenende starten.

Wittenberg, in Sachsen-Anhalt ist ein guter Ort, um ungestört ein musikalisches Proben-Wochenende zu gestalten. Die Musikerinnen und Musiker des Blasorchesters „Haste Töne Berlin e.V.“ waren schon mehrfach in der Lutherstadt an der Elbe. Ziel war jetzt die Jugendherberge Wittenberg. Mit mehr als 30 Musikerinnen und Musikern konnten wir ungestört und ohne zu stören gemeinsam und separat proben. Hinter dem Titel „Blasorchester trifft Alphorn“ verbirgt sich ein musikalisches Konzept, dass die Amateurmusik von Blasorchester und Alphorn-Ensemble einem breiten Publikum zugänglich machen soll. Zudem soll es zum Mitmachen animieren und die vielfältigen Möglichkeiten des Zusammenspiels von Blasorchester, Alphörnern, Tierhörnern und Tänzern verdeutlichen.

Im Zentrum der Proben stand eine Auftragskomposition von Andreas Frey, die wir gemeinsam mit den Musikerinnen und Musiker von „Haste Töne“ einstudiert haben. „Wie Tacitus die Germanen sah“ ist eine Komposition aus fünf Sätzen für Blasorchester, Alphörnern, Tierhörnern und darstellendes Spiel (Tanz).

Tacitus, war ein bedeutender römischer Historiker, Senator und Statthalter. Eines seiner Werke beschäftigte sich vor bald 2.000 Jahren mit der Geographie und der Kultur der Germanen. Andreas Frey ist ein deutscher Musiker, Komponist – und der musikalische Leiter von Alphorn.Berlin e.V.

Was die beiden miteinander zu tun haben, zeigt sich in einer ersten neuen Auftrags-Komposition von Andreas Frey als Teil des Konzeptes. Andreas Frey betrachtet in seinem Werk musikalisch die Sicht Tacitus‘ auf die Germanen (nach Tacitus, „Germania“). Im ersten Satz geht es um die Interpretation des „wüsten Landes mit rauem Himmel“ und seinen Volksgruppen. Im zweiten Satz beschäftigt sich der Komponist mit den „Ureinwohnern“, den Germanen selbst. Tacitus stellt fest: „Die Körperbeschaffenheit ist bei allen Germanen gleich.“

Ob Tacitus selbst je in Germanien war, ist nicht sicher überliefert. Er war viele Jahre in der Provinz, doch welche, das ist nicht überliefert. Doch sein Werk „Germania“ legt es nahe. Tacitus hat die Germanen als lang schlafende Trunkenbolde wahrgenommen, die oft streiten und sich gerne auch mal totschlagen. Im dritten Satz macht Andreas Frey diese Sicht auf die Germanen in „Der Tagesablauf“ hörbar. So ist zu hören, wie die Germanen langsam erwachen, sich waschen, ihren Geschäften nachgehen, saufen und feiern.

Die Germanen sind aus Sicht Tacitus‘ nicht sonderlich gebildet, schon gar keine Schöngeister. So kommt er zu dem Schluss: „die Zahl der Rinder macht ihnen Freude, und dies ist ihr einziger und liebster Reichtum“. So kommen im vierten Satz in „Wie Tacitus die Germanen sah“ statt Alphörner nun Tierhörner zum Einsatz, die mit dem Blasorchester in den Dialog treten. Dabei entsteht ein musikalisches Bild von grasenden Rindern, die wiederkäuen, sich in der Not gegen einen Wolf formieren und ein einsames, verlorenes Rind suchen und es durch ihre „Rufe“ wieder zur Herde finden lassen.

Tacitus betrachtet auch die „Fürsten, Herrscher und Priester“ der Germanen. Der fünfte und letzte Satz ist dieser Betrachtung gewidmet. Hierin wird Tacitus‘ Bewunderung für die Germanen deutlich, die er als entschlossene Vorkämpfer und Vorbilder sieht. Mit einem marschartigen Finale beendet der Komponist die Betrachtungen Tacitus‘ auf die Germanen.

Auf dem Programm des gemeinsamen Proben-Wochenendes in Wittenberge standen aber auch Stücke, die wir schon gemeinsam vor der Corona-Pandemie ein einziges Mal aufgeführt hatten: das Concerto Grosso und die Alphorn-Polka für Blasorchester und Alphörner geschrieben.

Einen ersten Testdurchlauf mit Publikum gab es am Samstagnachmittag auf dem Marktplatz vor dem Rathaus. Ein spontanes Platzkonzert mit zwei Sätzen aus dem Tacitus, der Alphorn-Polka und Stücken aus dem Repertoire der beiden Orchester. Den Abschluss eines erfolgreichen Proben-Wochenendes machten am Sonntag die Musikerinnen und Musiker von Alphorn.Berlin e.V. unter der Leitung von Andreas Frey mit einem Turmkonzert an den beiden Spitzen der Wittenberger Stadtkirche.

Das Förderprogramm sieht weitere Proben-Wochenenden, Konzerte und Aufführungen vor. Zum Abschluss, Ende April 2022, gibt es ein großes Konzert in Berlin. Aufführungsort und das genau Datum befindet sich in der Abstimmung. Einen Anfang machen die beiden Orchester schon am 13. November 2021.